Zielen über die Pfeilspitze (Blankbogen)

Zielen mit dem Blankbogen

Das Blankbogenschießen ist genauer betrachtet eigentlich eine Variante des Visierschießens. Das dort verwendete technische Hilfsmittel, das höhen- und seitenverstellbare Visier wird lediglich durch die Pfeilspitze als Visierpunkt ersetzt. Die fehlende Seitenverstellbarkeit kann bei einer guten Abstimmung des Bogens mit dem Pfeil (Pfeilspine, Abstimmung Auflage/Button) problemlos verschmerzt werden, weil ein perfekt abgestimmter Pfeil unabhängig von der Entfernung zum Ziel immer in einer Linie zwischen Zielauge, Bogen und Ziel fliegen wird.

Schwieriger wird es da schon mit der vertikalen Abstimmung des Abschusses auf die gewünsche Entfernung zum Ziel. Bekanntermaßen fliegt ein Pfeil ja nicht auf gerader Linie, sondern beschreibt eine mehr oder weniger gekrümmte Ballistikparabel. Hier ist also eine entfernungsabhängige Korrektur des Abschußwinkels unbedingt erforderlich.

Die fehlende Höhenvariabilität dieses Visierpunktes wird mit zwei verschiedenen Ausgleichstechniken kompensiert, die im Folgenden näher beschrieben werden.

Stringwalking

Mit Stringwalking wird eine Methode der Höhenwinkelkorrektur des Abschusses bezeichnet, die darauf beruht, dass der Schütze je nach Zielentfernung mehr oder weniger tief mit allen drei Fingern unterhalb des Pfeils an der Sehne anfasst und den Bogen spannt. Hierdurch verändert sich der Winkel des Pfeils auf dem gespannten Bogen gegenüber der Visierlinie (Auge – Pfeilspitze).

Der Ankerpunkt der Zughand im Gesicht bleibt dabei immer der gleiche, sodass bei tieferem Abgriff die Pfeilnock höher positioniert wird, also näher an das Zielauge des Schützen heran kommt. Dies enspricht einem flachen Abschußwinkel, also einer kurzen Entfernung zum Ziel. Auf sehr kurze Entfernungen ist die ballistische Kurve, die der Pfeil beschreibt kaum spürbar, muß also nicht berücksichtigt werden. Bei sehr kurzen Entfernungen liegen Auge, Pfeilnock und Pfeilspitze also fast entlang einer Linie.

Umgekehrt muß für große Distanzen eine stark gekrümmte Flugbahn einkalkuliert werden, der Pfeil muss also übertrieben ausgedrückt, schräg nach oben abgeschossen werden, damit er bis ins Ziel fliegt. Dies erreicht man, indem man für weitere Entfernungen den Sehnenabgriff dichter an die Nock oder sogar daran anlegt. Bei festem Kinn- oder Wangenanker kommt dadurch die Nock tiefer und bei Visierung über die Pfeilspitze steht der Pfeil leicht schräg nach oben in der Visierlinie Auge-Pfeilspitze. Für jede beliebige Entfernung existiert so ein genau definierter Abgriffpunkt an der Sehne, den erfahrene Blankbogenschützen exakt kennen. Die Zielgenauigkeit steht einem Visier kaum nach.

Als Nachteil dieser Methode wird oft angeführt, dass die Sehne nicht direkt hinter der Pfeilnock ihren tiefsten Auszugspunkt hat, sondern mehr oder weniger weit darunter. Hierdurch greift die Sehne schräg in die Nock, was im Abschuß zu einem Abwärtrutschen führen kann. Zudem wird im Abschuß durch den asymmetrischen Sehnenzug eine vertikale Vibrationskomponente in den Pfeil eingebracht. Ein zweiter Nockpunktbegrenzer ist demnach Pflicht!

Praktisch sind diese Fehlerkomponenten aber mit geeigneter Detailabstimmung des Bogens und der Wahl einer stabilen Pfeilauflage kontrollierbar.

Facewalking

Die Alternative zum Stringwalking ist das seltener verwendete Facewalking. Hierbei wird der Pfeil klassisch mediterran mit einem Finger über und zwei Fingern unter dem Schaft gefaßt und die vertikale Abstimmung ders Abschusses erfolgt über eine vertikale Variation des Ankerpunktes im Gesicht (Kieferknochen, Mundwinkel, Wangenknochen etc.). Die Wiederholgenauigkeit ist allerdings wesentlich schlechter als bei Stringwalking und erfordert deutlich mehr Übung.

Kombinationstechniken

Da das Visieren über die Pfeilspitze mit Stringwalking dort seine Grenze findet, wo die Finger der Sehnenhand bereits am Pfeil anliegen, werden für weitere Entfernungen von manchen Schützen Stringwalking und Facewalking-Techniken kombiniert.